Großer Erfolg für die MS Gleinstätten beim diesjährigen Spot-Schreibwettbewerb: Simone Pölzl (4b) erreichte mit ihrer Geschichte „Mein kleines Geheimnis“ den hervorragenden 2. Platz. Die Jury hob besonders die fantasievolle Handlung sowie den außergewöhnlichen Schreibstil hervor. Auch Mia Resch (4b) konnte überzeugen und schaffte es mit ihrer Geschichte „Wo die Stimmen verstummen“ unter die besten zehn Einsendungen des Wettbewerbs.
Bewertet wurden die eingereichten Texte von den bekannten Autor:innen Colin Hadler und Mirai Mens, die die Geschichten unabhängig von den Namen der Verfasser:innen lasen.
Die MS Gleinstätten gratuliert den beiden Schülerinnen herzlich zu diesem großartigen Erfolg!
Ich war gerade aus dem Bus gestiegen, da landete ein Vogel auf meiner Schulter. Verdattert schreckte ich zurück. Aber er machte keine Anstalten, davonzufliegen. Ich runzelte die Stirn und schaute ihn an. Ich hatte noch nie die Möglichkeit gehabt, einen Vogel so nah zu betrachten: sein winziger Kopf, das pummelige Körperchen, wie es auf meiner Schulter ruhte.
Nachdem ich ein paar Schritte gegangen war, spürte ich, wie der Vogel sich wieder von mir löste und in die Luft stieg. Aber irgendetwas sagte mir, dass diese Begegnung etwas zu bedeuten hatte.
„Ich bin zu Hause!“, schrie ich durch das ganze Haus. Ich wohnte bei meinen Großeltern, weil meine Mutter gestorben war, als ich ein Baby war. Beim Mittagessen erzählte ich voller Freude, was sich an der Bushaltestelle zugetragen hatte. „Wow, das ist ja eigenartig. Diese Tiere sind normalerweise ganz scheu …“, antwortete meine Oma gedankenverloren. „Ich weiß, deswegen finde ich das unglaublich“, flüsterte ich, während ich mir die Spaghetti auf die Gabel drehte.
An diesem Abend konnte ich nicht einschlafen. Ich hatte zu Abend gegessen, meine Serie geschaut und die Zähne geputzt, aber es funktionierte nicht. Mittlerweile war es schon zehn vor neun. Normalerweise schlief ich um diese Uhrzeit schon, aber heute fand ich keinen Schlaf. Als ich noch drei Seiten aus meinem Lieblingsbuch gelesen hatte, klopfte etwas an meine Fensterscheibe.
Ich erschrak, aber ich redete mir ein, es wäre nur der Wind gewesen. Nach etwa drei Minuten klopfte es schon wieder. Ich schluckte. Missmutig trat ich ans Fensterbrett, doch durch das angeschlagene Glas konnte ich nichts erkennen. War das wirklich nur der Wind? Ja, dachte ich mir und legte mich wieder hin. Doch der Gedanke, draußen könnte etwas Aufregendes passieren, ließ mich nicht einschlafen.
Also nahm ich all meinen Mut zusammen und stieg aus dem Bett, um das Fenster zu öffnen. Kurz bevor meine Hand die Klinke erreichte, hielt ich inne. Was, wenn es ein Einbrecher war? Oder ein Mörder? Ich schüttelte den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. Entschlossen drückte ich die Klinke nach unten und öffnete das Fenster.
Draußen erwartete mich eine sanfte Brise der kühlen Nachtluft. Vom Einbrecher fehlte jedoch jede Spur. Ich zuckte mit den Schultern und wollte das Fenster wieder schließen, da sah ich im Schein einer Straßenlaterne einen Vogel auf dem gegenüberliegenden Baum sitzen. Als er mich mit seinen winzigen Glubschaugen erblickte, flog er zu mir herüber. Unbewusst wich ich einen Schritt zurück, als er neben meiner Hand landete.
Während ich seinen kleinen Körper musterte, fiel mir auf, dass er einen kleinen Zettel am Bein hängen hatte. War das wirklich ein Zettel? Wenn ja, sollte ich ihn lesen? Oder war es ein Stück Papier, in dem er sich verfangen hatte?
Der Vogel schien auf etwas zu warten, also fühlte ich mich verpflichtet, den Zettel loszubinden. Langsam näherte ich mich dem Tier wieder, atmete dreimal tief durch und griff nach dem Lauf. Nachdem ich ihn befreit hatte, rollte ich den Zettel auf. Darauf stand:
Für Thea McMops. Am 12.06.2012
Der Arzt hat mir gerade gesagt, dass ich deine Geburt nicht überleben werde. Deshalb schreibe ich dir einen Brief. Das ist Biene. Ich habe sie gebeten, dass sie dir den Zettel bringen soll, wenn du lesen kannst. Ich glaube, ihr werdet mal gute Freunde. Sie ist schüchtern, also wird sie am Anfang nicht sehr viel reden. Das ist das Einzige, was ich dir noch mitgeben kann. Ich liebe dich.
Lg Mama
Was? Für mich? Der Brief war für mich! Ich las ihn mir noch zweimal durch, aber es stand alles eins zu eins da. Plötzlich drehte sich alles. Ich setzte mich auf den Boden, schlang meine Arme um die Beine und ließ meinen Kopf auf die Kniescheiben sinken.
„Dreizehn Jahre trage ich den Brief schon mit mir herum! Ich habe mich echt gewundert, dass du ihn nicht schon früher gesehen hast“, holte mich der Vogel aus meinen Gedanken. Er hatte sich mittlerweile neben mich gesetzt, wollte sich aber gerade wieder auf den Weg machen.
„Bleib …“, hielt ich ihn zurück. Mich wunderte es, dass ich überhaupt sprechen konnte.
„Du verstehst mich? Wow, das hast du ja wirklich von deiner Mutter …“, murmelte Biene gedankenverloren und starrte auf den Boden.
Ich beugte mich zu ihr herunter und fragte: „Kannst du mir das erklären?“
„Mit Vergnügen! Ich bin Biene – das weißt du ja schon. Als ich klein war, hat deine Mutter mich gerettet, und seitdem sind wir unzertrennlich. Ich war sogar bei deiner Geburt dabei. Ich! Ein Vogel! Naja, die Ärzte mussten danach in die Psychiatrie eingeliefert werden, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Die Hauptsache ist, dass du die Gabe deiner Mutter geerbt hast und mit Tieren sprechen kannst! Aber natürlich nur, wenn sie das wollen“, antwortete Biene.
An diesem Abend blieb sie noch lange bei mir, und wir sprachen die halbe Nacht lang, sodass ich am nächsten Tag so müde war, dass ich ausnahmsweise schwänzte.
Aber ob ich das meinen Großeltern erzähle? Nein, niemals. Das bleibt mein kleines Geheimnis.
Sirenen. Blinkende Lichter. Notfall. Hilfe… Es war 3 Uhr nachts. Schreie kamen von hier und da. Ich durfte mein Zimmer nicht verlassen. Schweigen. Angst herrschte über das ganze Dorf. Noch einer verschwunden…
Hallo, liebes Tagebuch. Ich bin Jakob, 18 Jahre alt, keine Hobbys. Wie auch immer, vielleicht dachtet ihr, dass ich ein Mobbingopfer bin — nein. Dämlich, wer sich als so etwas bezeichnet. Ich und meine Gruppe sind die Coolsten. Beziehungsweise waren.
Seit Wochen ist es in unserem Dorf (irgendwo im Nirgendwo) düster und kalt. Zwei von meinen Freunden sind bereits verschwunden. Der Erste: Chris. Aufgefunden, tot. Der Zweite: Maik. Aufgefunden, tot. Komisch, nicht wahr? Was noch komischer ist: Vor Kurzem ist jemand Neues in unser Dorf gezogen. Vorname Samuel, Nachname unbekannt. Mein neuer Nachbar. Natürlich ist er die Nummer 1 auf der „TOP 10 der Hauptverdächtigen“ — na ja, falls es die überhaupt gibt. Jeder von uns könnte der Nächste sein. Wer hat hier ein großes Geheimnis?
Mein Motto lautet: „Vertraue niemandem.“ Jeder unter uns könnte es sein.
Ihr fragt euch jetzt sicher, wie ich nur so emotionslos sein kann. Wie denn auch anders? Aufgewachsen in einer Familie, in der es Drogen, Alkohol und weiß Gott was gibt. Ich darf keine Schwäche zeigen. Nie. Niemals. Das war’s dann auch von meiner Seite aus. Ich gehe jetzt schlafen. Bis morgen.
Guten Morgen. Jeder Morgen gleich beschissen wie der letzte. Also nun, hier war ich: Montag früh. Es klingelt an der Haustür. Die Polizei. In der vorherigen Nacht haben sie Samuel mit aufs Revier genommen. Finde ich gut, denn ich bin mir ziemlich sicher: Samuel, dessen Nachname unbekannt ist, trägt die Verantwortung für diesen Scheiß.
Auf dem Weg zur Schule fiel mir auf, wie ruhig es ist. Man kann das Wasser vom Bach hören. Zum Thema Bach: Dort war Chris vergraben, und seitdem geht diese eine Oma nicht mehr mit ihrer „Ratte“ (auch genannt Cocker Spaniel) spazieren.
In der Schule angekommen… Leute, die meine Freunde nicht einmal kannten, trauerten. Wie kannst du um jemanden trauern, den du nicht einmal kennst? Willkommen in meinem Dorf. Die Gerüchte werden immer verrückter und verrückter. Wer war er denn jetzt?
Als ich meine Klasse betrat und meine anderen Freunde sah (die heißen Leon, Max und Emilio), wurde ich ein wenig glücklicher. Wir überlegen jetzt schon seit Wochen, wer der Täter sein könnte. Jeder Hinweis führt uns zu Samuel. Wie auch immer. Erste Stunde: Mathematik. Wie immer ein Albtraum. Dieser kranke Typ sollte sich als Nächstes unseren Mathelehrer vornehmen. Dann wäre Schule wenigstens ein bisschen lustig.
Der Täter, der meine Freunde entführt und umgebracht hat, geht mir nicht aus dem Kopf. Die ganze Stunde — wie auch die anderen Stunden — muss ich daran denken. Was ist sein oder ihr Motiv?
Wieder zu Hause. Ich gehe schnellstens in mein Zimmer und schließe die Tür. Die Angst in mir, der Nächste zu sein, wächst mit jedem Atemzug ein Stückchen mehr. Die Aufgaben, die wir bekommen haben, habe ich mittlerweile seit Tagen nicht gemacht. Meine schulischen Leistungen werden immer schlechter. Ich kann nicht mehr klar denken. Ich nehme eine Schlaftablette und lege mich hin, damit ich ein wenig abschalten kann.
Ring. Ring. Ring.
Ich wache auf. Es ist stockfinster und meine Umgebung ist mir nicht vertraut. Wo bin ich? Ich greife nach meinem Lichtschalter und drücke ihn ganz fest. In dieser Sekunde bemerke ich, dass ich mich doch in meinem Zimmer befinde. Komisch.
Ich schaue auf mein Handy und sehe vier verpasste Anrufe von Max. Danach taucht eine Nachricht auf, in der steht, dass Leon tot in seinem Keller aufgefunden wurde. Mein Herz schlägt schneller. Es ist kaum zu glauben: Nur noch Max, Emilio und ich.
Die Polizei findet keine Beweise, noch nicht einmal Spuren. Meine Mutter sagte mir, die Schule sei kein sicherer Ort mehr und wurde deswegen geschlossen. Wenigstens eine positive Nachricht.
Den ganzen Tag mache ich nichts anderes, als vor dem Fernseher zu sitzen. Mein Kopf explodiert gleich. Nichts anderes außer W-Fragen in meinem Kopf.
Ich lege mich schlafen, doch mein Kopf hört nicht auf zu denken und mein Herz nicht auf zu pumpen. Das muss ein Ende nehmen.
Jedoch eines muss ich diesem Psycho lassen: Er hat ziemlich gute Verstecke für seine Leichen. HAHA, also ein Lob an mich.
Tja, da staunt ihr: ein ganz normaler Junge, der seine Freunde langsam und lautlos verschwinden lässt — und sie danach tot aufgefunden werden.
Dies ist nicht einmal der Anfang meiner Geschichte…